Heiliger Wolfgang, Thor und Teufel

Heiliger Wolfgang, Thor und Teufel

Vor langer Zeit war für unzählige Menschen vieler Generationen aus dem Nördlich Alpenvorland ein Wallfahrt in Richtung des zu allen Jahreszeiten mit Schnee und Eis bedeckten Dachstein ein Lebensziel. Nachdem sie Bauern waren und sich mit der Natur innig verbunden fühlten, waren sie besonders vom Bergland begeistert.

 

Am Abersee entdeckten sie eine Steinkanzel, bei deren Berührung sie sich ihrem vertrauten Thor nahe fühlten. Nach viele Jahrhunderten ungestörter Überlieferung wurde zum Zweck der Christianisierung neben dem Kultstein eine Kirche errichtet, die im Laufe der Zeit vergrößert wurde und das vorchristliche Heiligtum allmählich an den Rand rückte. Der Missionsbischof Wolfgang wurde eingebunden, die aus Urzeiten stammenden, über die Bronzezeit gewachsenen Überlieferungen zu überdecken und zur Machtausübung umzufunktionieren: So berichtet man von der Kirchenkanzel aus dem Volk über den heiligen Bischof Wolfgang, der von Regensburg aus die endgültige Christianisierung betrieben hatte, daß er sich anstelle des vertrauen Thor als Einsiedler zum Kultort am Falkenstein zurückgezogen und von dort aus Wunder bewirkt habe: So befahl ihm Gott, er solle von der “Martersäule” aus seine Hacke (Beil, Axt) mit voller Kraft werfen und am Ort der Auffindung eine Kirche erbauen.


Die Hacke fand er beim Kultstein, wo er den Teufel namens Thor traf. Der Heilige verdingte den Teufel, ihm beim Bau zu helfen und versprach ihm dafür die Seele des ersten Lebewesens, das die fertiggestellte Kirche betrete. Der einfältige Thor wälzte Steine herbei, schuftete eifrig beim Mauern, denn an Körperkraft fehlte es ihm nicht. Als das Bauwerk fertiggestellt war, begehrte der Teufel seinen Lohn. Der heilige Wolfgang hatte schon vor Baubeginn eine List geplant und trieb einen Wolf über die Kirchenpforte. Die Seele des wilden Tieres war nun des Betrogenen Eigentum. In unbändiger Wut zerriß er den Wolf in Stücke, schlug ein Loch ins Gestein und fuhr in seinem Zorn unter den Abersee direkt in die Hölle hinab. Lange roch es aus dem Schlund nach Pech und Schwefel, der Teufel wurde jedoch nie mehr gesehen. Zwar kamen noch lange große Walfahrerscharen zum verehrungswürdigen Kultstein neben der Kirche. Allmählich wurde der heilige Wolfgang aber an die Stelle des Thors gesetzt. St. Wolfgang blühte zum viertgrößten Pilgerort Europas auf. Die Wallfahrer brachten mit ihren Fürbitten viele Gaben, die sich zu Reichtümer anhäuften und im Vertrauen zum nunmehr rechten Glauben Kunstwerke von Weltrang ermöglichten. Vorchristliches Kulturgut wurde und wird in Verständnislosigkeit mit großem Eifer bis in unsere Tage unbarmherzig zerstört.