Der Student beim Schlüsselloch in der Heiligen Nacht

Der Student beim Schlüsselloch in der Heiligen Nacht

Ein Student namens Franz Schlosser hatte schon öfters gehört, dass die Trefferwand beim Schlüsselloch in der Heiligen Nacht von zwölf bis ein Uhr offen sei. Seine Wissbegierde ließ in ihm den Entschluss reifen, den Erzählungen auf den Grund zu gehen. In der Heiligen Nacht stapfte er durch tiefen Neuschnee in die Zimnitz Wildnis. Zwei Kollegen, die die Berichte vom Zimnitzgeist als haltloses Gerede vermuteten, gingen laut redend in den vorgetretenen Spuren Franz Schlossers. Plötzlich wehte ihnen heftiger Eiswind um die Ohren, und die Lichter ihrer Laternen flackerten.

 

Schließlich gelangten sie an die hoch aufragende Trefferwand und sahen diese von einem glitzernden Eisvorhang überzogen. Als sie nun an der Wand entlang zum Schlüsselloch gewartet waren, stand ein Eisportal offen, hinter dem im milden Licht Kristalle funkelten. Etwas kleinlaut geworden, zwängten sie sich durch den Spalt in die Wand hinein und kamen schließlich in einen riesengroßen Saal, in dessen fernem Gewölbe unzählige Funken leuchteten, die von Gold und Silber eingerahmt schienen. Durch die Mitte des großen Raumes zog schwarzes Wasser, das sich in Silberwellen bewegte, ruhig dahin An einer aus groben Rundhölzern gezimmerten Anlegestelle war eine mächtige neue Salzzille verankert. Sieben Schiffsleute standen auf ihr, hatten bereits Ruder ins Wasser getaucht und waren bereit zum Abfahren.

 

Nun bemerkten die drei Studenten, dass die Schiffsladung aus Gold und Silber bestand, und wurden gleichzeitig auf einen großen runden Tisch aufmerksam, an dem zwölf schwarz gekleidetet Herren auf gepolsterten Sätteln saßen. Unter jedem sattel kauerte ein großer schwarzer Hund. Franz Schlosser hatte fürsorglich Beschwörungsmittel mitgebracht. Als er ein Kreuz aus dem Ranzen zog, knurrten die Hunde bedrohlich und fletschten die dolchartigen Zähne. Beim Versprühen des ebenfalls benötigten Weihwassers ertönte ein markerschütternder Schrei. Heftiger Wind pfiff durchs Gewölbe, und die Halle bebte, als würde sie einstürzen. Urplötzlich war es wieder still, und aus der fernen Begrenzung der hohen Halle sank eiskalter Nebel, aus dem sich ein Mann formte.

 

Das weiße Haupthaar floss in den Bart und die Gestalt. Franz Schlosser fühlte sich in die Winternacht hinaus getragen und sah, wie sich das Eisportal langsam schloss und der Geist im SChlüsselloch verschwand. Nun stand er bei fahlem Sternenlicht im Schnee. Seine beiden Kollegen lagen neben ihm, sie waren vor Schreck ohnmächtig geworden, Der Student berührte sie mit dem Kreuz und erweckt.

 

 

Der Überlieferung nach ist das Schlüsselloch in der Trefferwand sowohl am Heiligen Abend als auch zur Sommersonnenwende offen. Damit sind der Winter- und der Sommerbeginn angesprochen. Ein Student versucht, Überlieferungen auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Weihwasser und das Kreuz sollen Spukgestalten vertreiben. Das alte Wissen wird mit dem Aberglauben gleichgesetzt.